Ich kenne den Zustand, seinen eigenen Körper vor Erschöpfung nicht mehr zu spüren. Tausende Stunden auf dem Court. Tennis, Padel – Leistungssport als eine Lebensform. Und ich kenne die andere Seite: die Grenzbereiche des Geistes. Retreats in Stille, mehrtägige Zeremonien, tiefe Innenkehr. Coachings gegeben, Coachings empfangen.
Je mehr das Leistungssportkapitel sich in meinem Leben geschlossen hat, desto tiefer bin ich in die Welt der Bewusstseinsentdeckung eingetaucht. Eine Erfahrung offenbarender als die andere. Und dabei ist mir immer klarer geworden, wie eindimensional viele Herangehensweisen noch immer gesehen und auch praktiziert werden – im Training, von der Medienseite, und dadurch zwangsläufig auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Wirklich systemisches (nicht zu verwechseln mit: systematischem) Verständnis sehe ich nur leider selten.
Eine Frage, die ich mir deswegen erlaube, immer wieder zu stellen: Entwickeln sich die Athleten unserer Zeit wirklich weiter? Welche Botschaften werden mir als Zuschauer – jemand der in jeder Zelle mitfiebert – vermittelt, wenn ich den größten Sportveranstaltungen dieser Welt zuschaue?
Millionen an Menschen schauen täglich zu diesen Göttern in Sportkleidung hoch. Während der Fußball WM. Bei den vier alljährlichen Tennis Grand Slams. Zu den Olympischen Spielen. Zu was genau schauen wir denn aber eigentlich hoch?
Zur Technik? Zum Ergebnis?
Oder zu etwas, das sich durch diese Menschen ausdrückt – etwas, das größer ist als die Medaille, die Weltrangliste und die Zeit auf der Uhr?
Viele Fragen. Und ich glaube, dass diese Fragen gestellt werden sollten.
Was uns an diesen Athleten fasziniert, liegt selten in ihrem Ergebnis.
In den letzten Jahrzehnten hat der Profisport alles optimiert, was sich optimieren lässt.
Körper, Technik, Athletik – der Körper als Maschine, die Gewicht hebt und Kilometer läuft. Das war GEN(eration) 01. Eine Revolution, die funktioniert hat. Dann kam GEN 02: der Kopf als zweiter Muskel. Visualisierung, Druckmanagement, mentale Stärke. Wer heute ohne mentales Training spielt, spielt mit einer Hand auf dem Rücken.
Und jetzt gerade befinden wir uns bei GEN 02.1 – dem, was gerade gehypt wird. Longevity. Biohacking. Schlafoptimierung. Entzündungsmarker. Biologisches Alter. Dahinter das Versprechen: länger spielen, länger performen und länger jung bleiben.
Für mich ergibt sich daraus jedoch eine Lücke: Niemand fragt, wozu das Ganze.
Michael Phelps hat 23 olympische Goldmedaillen gewonnen. Mehr als jeder Mensch in der Geschichte der Olympischen Spiele. Und er hat beschrieben, wie er nach jedem Triumph in eine tiefe Depression fiel. Einmal. Zweimal. Jedes Mal. Nach London 2012 wollte er nicht mehr leben.
23 Goldmedaillen. Das kompletteste Optimierungsprogramm, das der Schwimmsport je gesehen hat. Und trotzdem.
Naomi Osaka war die bestbezahlte Sportlerin der Welt. Vier Grand Slam Titel. Dann entzog sie sich der Öffentlichkeit. Wegen der Last, die hinter allem lag. Sie stellte sich selbst eine Frage, die viele Athleten beschäftigt, aber kaum jemand laut stellt: Wenn ich mich so fühle, warum soll ich durchbeißen, anstatt es zu heilen?
Meiner Ansicht nach eine der bisher ehrlichsten Fragen im Hochleistungssport. Und die wahrscheinlich seltenste und somit wichtigste.
Simone Biles, die beste Turnerin aller Zeiten, trat bei Olympia in Tokio zurück – und kehrte drei Jahre später in Paris zurück, stärker als je zuvor. Was sich verändert hatte: Sie turnte nicht mehr „für andere".
Alle Athleten auf dem Gipfel. Alle mit derselben Erkenntnis.
Wer bin ich eigentlich, wenn ich (nicht) spiele?
Definitiv eine Frage der Identität. Und tiefer als jede Technik, der wir uns zum 1000sten Mal widmen können.
GEN 03 beginnt genau dort.
Mit der Bereitschaft, den Spieler hinter dem Athleten zu suchen. Den Menschen hinter der Leistung. Die Frage hinter der Frage.
Ernährung, Biomechanik, Athletik. Der Körper als Maschine, die man optimiert. Das war eine Revolution. Sie hat funktioniert.
Visualisierung, Druckmanagement, Resilienz. Der Kopf als zweiter Muskel. Echter Fortschritt. Wer heute ohne mentales Training spielt, spielt mit einer Hand auf dem Rücken.
Biohacking, Schlafoptimierung, Entzündungsmarker, biologisches Alter. Das Versprechen: länger spielen, länger jung bleiben. Die Lücke: niemand fragt, wozu.
Durch mein Interesse und meine Arbeit beobachte ich heranwachsende Profisportler, die sich neue Fragen stellen. Fragen, die bisher nie eine Rolle gespielt haben und über ihre Trophäen-Ambitionen hinausgehen. Was verkörpert ein Weltklasse-Spieler wirklich, der seinen inneren Frieden gefunden hat und die Arenen der Welt betritt? Was bleibt, wenn sonst alles geht? Entsteht gerade eine Avantgarde an Sportlern, die Höchstleistungen nur noch unter Berücksichtigung einer eigenen Botschaft forcieren?
Tim Gallwey formulierte es vor fünfzig Jahren so: Performance entsteht dort, wo Interference aufhört.
Interference – das ist der innere Lärm. Der Vergleich. Der Kritiker im Kopf. Die Angst vor dem nächsten Fehler. Das, was einen Spieler kleiner macht als er ist.
GEN 03 ist der Zustand, in dem dieser Lärm aufhört. Wissenschaftlich nennt man es Flow. Spirituell nennt man es Präsenz. Im Sport erkennt man es sofort: Der Athlet, bei dem man spürt – der ist wirklich da.
Die Kehrseite von all dem ist das, was ich den Optimierungswahn nenne und ihn selbst als das erleben durfte.
Die Überzeugung, dass die nächste Methode oder Erfahrung das ist, was fehlt. Dass man sich erst vollständig vorbereiten muss, bevor man anfangen darf. Dass die Innenkehr dem Handeln immer vorausgehen muss.
Sehr oft stimmt das. Und manchmal ist es die eleganteste Form der Vermeidung.
Denn das Spielfeld (du kannst es auch Leben nennen) hat eine eigene Intelligenz. Es zeigt dir, wer du bist, wenn du anfängst zu spielen. Kein Seminar der Welt kann das ersetzen.
Tiefe ohne wirkliche Bewegung kreist immer wieder im gleichen Kosmos. Bewegung ohne Tiefe verflacht jedoch auch. Die Rückkopplung zwischen beiden – das ist das Systemische.
Sein. Tun. Haben. – ein somit zeitloses Gesetz unseres Lebens. Der Ursprung aller Veränderung liegt im Sein. Und gleichzeitig ist das Leben dynamisch: Wenn das Tun nicht folgt, wird auch das schönste Sein nicht sichtbar. Was mir an diesem Feld die größte Freude bereitet: Es ist genau die Schwelle, an der das Sichtbare mit dem Nicht-sichtbaren verschwimmt und am Ende die persönliche Überzeugung gewinnt, welche Reihenfolge dieses Gesetzes die eigene Realität ausmacht.
Das ist das Lebendige am Weg.
Ein Spieler – so verstehe ich das Wort – ist ein Athlet in seinem wachsten Zustand. Vollständig präsent. Aus seiner persönlichen Wahrheit heraus handelnd. Nicht getrieben von der Angst vor dem Ergebnis, sondern getragen von dem, wer er wirklich ist. Es ist gelebte Authentizität. Wann ist denn aber der endlich richtige Moment, Fragen zu stellen? Ist es im Kindesalter? Ist es während der Pubertät oder erst, wenn die ersten großen Titel im Regal stehen (und sich der Abend im Hotelzimmer einsam anfühlt)?
Wir kennen bereits große Athleten, die dieses Spiel scheinbar mehr verstanden haben zu spielen als andere und genau deshalb werden wir uns diesen Geschichten widmen. Weil es inspiriert. Weil es inspiriert, zu jeder Zeit sich verändern und wachsen zu können (oder zu müssen?).
Ich schreibe diesen Blog, weil ich glaube, dass der Sport an einer Schwelle steht.
Die Werkzeuge von GEN 01 und GEN 02 sind wertvoll. Sie bleiben Teil des Weges. GEN 03 holt zurück, was Sport in seiner tiefsten Form ist: ein Spiegel. Eine Einladung, tiefer zu sehen statt nur weiter zu laufen.
Der Athlet, der heute wirklich fasziniert, ist häufig der authentischste. Der, bei dem man spürt: Der verkörpert etwas, das größer ist als der Punkt, das Tor oder die Zeit auf der Uhr.
Das lässt sich zeigen. Das lässt sich leben.
Es beginnt mit einer Frage, die du dir ruhig schon heute stellen kannst:
Wer bist du eigentlich, wenn du (nicht) spielst?